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Zwischen Mut und Mitleben: Wie „Immortals“ Unsterblichkeit neu erzählt

fokusnetzwerk mit Maja Tschumi, Regisseurin von "Immortals", im Gespräch

Maja Tschumi ist eine Schweizer Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Im Jahr 2025 wurde «Immortals» an den Solothurner Filmtagen von der Jury mit dem «Prix de Soleure» als bester Film auserkoren. Ende März wurde ihr Film «Immortals» im Rahmen des Human Rights Film Festivals in Zürich aufgeführt. Dadurch bin ich auf die Baslerin, die inzwischen in Berlin wohnt, aufmerksam geworden. Maja willigte sofort ein, ein Interview zu geben.

Ich hatte viele Fragen, z.B.:

1.) «Welchen Bezug hat Maja zu dieser Thematik?» und «Wie war es ihr gelungen, zwei irakische Co-Autor*innen für den Film zu gewinnen?».

2.) Mich interessierte natürlich auch, welche Vorkehrungen getroffen wurden, um die Sicherheit am Set zu garantieren.

Und ich wurde nicht enttäuscht: Maja beantwortete mir anschaulich meine obigen Fragen. In diesem Blogbeitrag werde ich auch auf folgende Fragen eingehen:

3.) Welche Rolle spielte für Maja die Zusammenarbeit auf Augenhöhe?

4.) Wie konnte der Film Leben retten (?!)?

Maja Tschumi (links) und Yilian Mangada (rechts) im Gespräch vom 12. Mai 2025

1. Wie fand Maja zur Jugendbewegung im Irak?

Maja wurde 2019 während einem Workshop der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin auf die Protestbewegung im Irak aufmerksam. In einer Gruppenarbeit lernte sie einen irakischen Aktivisten kennen, der ihr von den Platzbesetzungen im Irak berichtete – mitten in einer globalen Welle von Protesten.

«Ich war schockiert, dass man so gar nichts hört vom Irak. Dann habe ich angefangen, Artikel zu recherchieren und schnell gemerkt, dass es online einen richtigen Aufschrei nach Sichtbarkeit gegeben hat.»

Für Maja war das Thema auch persönlich bedeutsam: Sie wurde selbst durch die Antikriegsbewegung 2003 politisiert und war beeindruckt, dass junge Iraker*innen nach wie vor für Gerechtigkeit kämpfen. Gemeinsam mit dem Aktivisten – der sich später aus Sicherheitsgründen zurückziehen musste – entwickelte sie erste Ideen für den Film. Maja wusste, dass man im Westen die Filmhandlung nur verstehen kann, wenn man sich über eine emotionale Reise verbindet, wo die Figuren Fragen haben, die alle Menschen haben. Wann gibt man auf? Wann kämpft man weiter? Wann muss man die Heimat verlassen? Wann muss man dortbleiben? Was bedeutet es, jemand sein zu wollen?

«Khalili hat mir gesagt: «Ich will einfach jemand sein. Ich will jemand sein, ich will Erfolg haben, ich will sichtbar sein.». Für mich ist das sehr wichtig gewesen und dann habe ich mich entschieden, zwei sehr persönliche Geschichten zu erzählen, die repräsentativ sind für die Proteste. Die politischen Kontexte habe ich bewusst den Zuschauern selbst überlassen im Nachhinein zu recherchieren, wenn sie sich dafür interessieren.» 

Maja reiste nach Bagdad, traf Aktivist*innen, die teils selbst mit der Kamera dokumentiert hatten. Besonders beeindruckte sie Khalili, ein traumatisierter, aber entschlossener junger Mann, und Milo, eine mutige junge Frau aus einer einflussreichen Familie, die trotz Gefahren bereit war, sich filmen zu lassen. Mit beiden entwickelte sie ein enges Vertrauensverhältnis, das zur Grundlage der filmischen Zusammenarbeit wurde. Die gemeinsame Entscheidung, trotz Risiken zu drehen, war bewusst getroffen und von intensiver Absprache geprägt.

2. Wie konnte die Sicherheit während den Dreharbeiten gewährleistet werden?

Für Maja war Sicherheit beim Dreh im Irak zentral. Sie baute sich ein breites Netzwerk aus Journalist*innen, Filmemacher*innen und Aktivist*innen auf – sowohl vor Ort als auch online, z. B. über Twitter. Sie informierte sich kontinuierlich über die politische Lage, hörte Podcasts und analysierte Entwicklungen, um informierte Entscheidungen treffen zu können.

Statt sich auf einzelne Personen zu verlassen, legte sie Wert auf vielfältige Perspektiven, um Risiken besser einschätzen zu können. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch ihr vertrauensvoller Kontakt zum irakischen Produzenten Mohammed Alghadhban sowie die offizielle Drehbewilligung, die zusätzlichen Schutz bot. So entstand ein tragfähiges Fundament aus Vertrauen, Information und Kooperation, das die filmische Arbeit vor Ort ermöglichte.

3. Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Maja erklärt, dass die Ethik sehr wichtig gewesen ist und dass sie auf einer banalen Ausgangslage basiert: «Ich nehme an, dass Empathie möglich ist und wir uns trotz Unterschiede verstehen können.»

Maja erzählt, dass viele Leute sie fragen, wieso sie einen Film über den Irak machen darf. Sie meint aber, dass eigentlich die Frage lauten sollte, wieso sie einen Film über Geflüchtete habe machen dürfen. Im 2022 kam nämlich ihr erster Langfilm «Rotzloch» heraus. Darin porträtiert sie vier junge Geflüchtete in der Schweiz. Sie begründet ihre Aussage so:

«Im Irak bin ich eigentlich nicht in einer Machtposition gewesen. Es sagen zwar alle, du kannst sicher ausreisen. Das stimmt zwar, aber ich bin dort viel exponierter gewesen, abhängig von irakischen Leuten, die mir helfen. Ich kann zwar Geld bringen, aber ich wäre dort ohne Kollaboration ausgeliefert gewesen. Ich war total angewiesen auf die irakische Crew und ihre Expertise, v.a. wenn man einen politischen Dokumentarfilm drehen will wie Immortals.

Wenn ich hingegen in der Schweiz als Schweizerin einen Film über Geflüchtete mache, könnte ich sie so einfach dominieren, weil ich genau weiss, was die Behörden hören wollen. Und die Geflüchteten wissen das. Irgendwann kommt es sowieso zur Sprache, dass sie sagen: «Ihr seid die Chefs, ihr seid die Mächtigen», aber sie sind es nicht. Für eine Kollaboration braucht es Augenhöhe. Und in Situationen, wo Machtverhältnisse ungleich sein, muss man darüber sprechen und Wege finden, dass darin alle ihren selbstbestimmten Platz bekommen.»

Für den Film Immortals vertrat Maja die Haltung: Sie bringt filmisches Know-how mit, die Beteiligten ihre eigene Lebenserfahrung. Sie betont, dass jede Person Expert*in für das eigene Leben ist. Diese von Maja offen kommunizierte Abmachung war Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Für Maja war es ein Lernprozess auf beiden Seiten, getragen von Respekt, Offenheit und dem Ziel, Räume für Selbstbestimmung zu schaffen.

4. Wie konnte Immortals Leben retten?

Achtung, Spoiler! Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte dieses Kapitel besser überspringen und gleich zum Fazit übergehen.

Milos Rolle im Film als Protagonistin widerspiegelt wahre Gegebenheiten. Sie ist eine bemerkenswerte und extrem mutige junge Frau, die nach einem langen Kampf um ihre Rechte realisiert, dass sie nicht mehr in ihrer Heimat bleiben kann, wenn sie leben möchte. Also entscheidet sie sich zur Flucht.

«Das passiert nicht oft, dass man einen Film macht, der jemandem das Leben rettet, also das ist etwa das Krasseste, was mir je passiert ist. Milo lebt jetzt in Berlin und nicht mehr von meinem Leben wegzudenken. Sie ist wie eine kleine Schwester geworden für mich. Wir wussten, dass wenn sie länger im Irak geblieben wäre, wäre sie früher oder später tot. Der irakische Produzent hat ihr zuerst geholfen mit dem Pass, ich habe dann das Visum beantragt. Sie hat ein Asyl bekommen und baut sich ein neues Leben in Berlin auf. Eigentlich hat sie gar nicht so einen Flüchtlingsstatus, weil sie auf eine Art ein Superstar ist.»

Fazit

Das Gespräch mit Maja hat mich zutiefst beeindruckt. In wenigen Monaten hat sie sich ein riesiges Netzwerk im Irak aufgebaut, das ihr half, die politische Situation im Irak treffend einzuschätzen, die Co-Autor*innen zu finden, eine tolle Filmcrew auf die Beine zu stellen, und obendrauf auch noch mehr oder weniger gefahrenfrei Immortals zu ko-kreieren. Die Schilderungen von Maja haben mir deutlich gezeigt: „Gemeinsam sind wir stark“!

Ich empfehle Immortals jeder neugierigen Person, die sich für mitreissende Dokumentationen interessiert.

Quellen

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