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Von der Ausgrenzung zur Teilhabe: Wie urbaner Raum Integration ermöglicht

Der Umzug von einem Pariser Banlieue-Viertel in mein Zürcher Wohnviertel hat mir vor Augen geführt, wie sehr der Alltagsort unser Bewusstsein prägt. Seit Juni bin ich Praktikantin bei fokusnetzwerk. Dort habe ich die Möglichkeit, ganz unterschiedlichen Personen zu begegnen, denen ich wahrscheinlich nicht in meiner Wohngemeinde über den Weg gelaufen wäre. Denn was wir nicht sehen, was nicht Teil unseres täglichen Weges ist, wie etwa Supermärkte, Parks oder Nachbarschaften, bleibt oft unsichtbar. Der Wohnort bestimmt nicht nur, wo wir spazieren gehen oder einkaufen, sondern auch, wen wir im Alltag wahrnehmen, und wen nicht.

Das betrifft besonders Migrant*innen. Viele leben in bestimmten Quartieren, arbeiten Berufe oder sind zu Randzeiten oder nachts unterwegs. Diese alltägliche räumliche Trennung verweist darauf, dass Raum nie neutral ist. Raum kann sowohl als Instrument der Ausgrenzung wirken, als auch Potenzial für Integration bieten.

Mit dem Begriff «Migrant*innen» beziehe ich mich auf eine vielfältige Gruppe, die Ausländer*innen, Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft und Migrationshintergrund, sowie geflüchtete Personen umfasst. Ich bin mir bewusst, dass diese Kategorie nicht homogen ist und dass die binäre Gegenüberstellung von «wir Schweizer*innen» und «sie Migrant*innen» der komplexen Realität und den individuellen Personen nicht gerecht wird. Der Fokus dieses Artikels liegt auf urbanen Räumen; der Einfachheit halber verwende ich die Begriffe «Migrant*innen» und «Immigrant*innen» für geflüchtete Personen, die sich in der Schweiz niedergelassen haben.

Das Zusammenspiel von Migrant*innen und städtischem Raum

Migrant*innen prägen die urbanen Räume in vielfältiger Weise: Sie tragen zum demografischen Wachstum bei, stärken die Wirtschaft und bereichern das kulturelle Leben. Gleichzeitig bringen diese Entwicklungen auch Herausforderungen mit sich, etwa die Belastung der Infrastruktur oder die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Laut einer Studie der Stadt Zürich befinden sich die meisten Personen mit Asylstatus oder vorläufiger Aufnahme im erwerbsfähigen Alter, weshalb viele von ihnen eine Arbeitsstelle suchen (Stadt Zürich 2020). Die angespannte Wohnraumsituation ist ebenfalls ein grosses Thema. Zum Beispiel werden in der Stadt Zürich vermehrt ehemalige Altersheime, Bürogebäude oder Personalhäuser zu Kollektivunterkünften für asylsuchende Personen umfunktioniert (AOZ 2025).

Solche Argumente werden oft in der öffentlichen Debatte gegen Zuwanderung ins Feld geführt, und erschweren so zusätzlich die Integration von Immigrant*innen. Dabei kann man sich fragen: Wie viele Personen mit Migrationshintergrund leben überhaupt in Zürich? Und wo leben sie?

Migrant*innen in Zürich

Viele Städte haben typische Viertel, in denen bestimmte migrantische Gruppen überdurchschnittlich stark vertreten sind, etwa ein „Chinatown“ oder ein italienisches Quartier. Ähnlich verhält es sich auch im Kanton Zürich: Viele Immigrant*innen leben in bestimmten Bezirken, was durch verschiedene Faktoren bedingt ist. Historische, ökonomische und soziale Gründe führen dazu, dass Migrant*innen oft unter sich leben und wenig Kontakt zur einheimischen Bevölkerung haben, was ihre Integration erschwert. Dadurch haben sie weniger Gelegenheit, die Landessprache zu erlernen und sich mit der Schweizer Kultur und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten vertraut zu machen.

2016 führte das Statistische Amt des Kantons Zürich eine Studie durch. Demzufolge lebten dort zu diesem Zeitpunkt 395 000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, was einem Ausländeranteil von 26,6 % auf kantonaler Ebene entspricht. Allerdings variiert dieser Anteil je nach Gemeinde deutlich (Kanton Zürich 2025a).

Seit der Jahrtausendwende hat die ausländische Bevölkerung im Kanton Zürich nicht nur quantitativ zugenommen, sondern sich auch räumlich stärker über das gesamte Kantonsgebiet verteilt. Früher konzentrierten sich Migrant*innen vor allem in der Stadt Zürich, bedingt durch die traditionell hohe Industrieansiedlung und den damit verbundenen Arbeitsmarkt. Mit der Veränderung des Wohnungsmarkts und steigenden Mieten hat sich dies jedoch gewandelt: Heute leben sie vermehrt auch in an die Stadt angrenzenden Gemeinden (Kanton Zürich 2025a).

Quelle: Kanton Zürich (2025) Wo die ausländische Bevölkerung wohnt. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2019/01/wo-die-auslaendische-bevoelkerung-wohnt.html, [31.10.2025]

Weil Migrant*innen heutzutage weniger stark in der Stadt Zürich konzentriert sind und vermehrt in kleinere Gemeinden der Umgebung ziehen, ermöglicht dies eine ausgewogenere räumliche Verteilung der Migrant*innen und erleichtert den einzelnen Gemeinden den Umgang mit den damit verbundenen Aufgaben. Vielleicht wäre es daher sinnvoll, das Thema, auch um der Kritik an der Zuwanderung zu begegnen, nicht ausschliesslich kantonal, sondern stärker aus kommunaler Perspektive zu betrachten.

Von kantonaler zu kommunaler Ebene: Die zentrale Rolle der Gemeinden für die Integration

Die Problematik der räumlichen Segregation ist für Personen aus dem Asylbereich besonders stark. Die diesbezüglichen verschiedenen Aufgaben von Kanton und Gemeinden werden von der Asylfürsorgeverordnung geregelt: Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Personen, die dem Kanton Zürich zugewiesen werden, wohnen zunächst für einige Monate in kantonalen Durchgangszentren (Asylfürsorgeverordnung (25.05.2005)). Dort leben sie vor allem unter sich (Kanton Zürich 2025b).

In einer zweiten Phase jedoch werden die Personen aus dem Asylbereich den Zürcher Gemeinden zugeteilt. Aktuell sind die Gemeinden verpflichtet, pro 1000 Einwohner*innen 16 Personen aus dem Asylbereich aufzunehmen (Kanton Zürich 2025b). So entsteht die Chance, dass sich die Gemeinden aktiv für die Integration der Geflüchteten einsetzen und langfristige Perspektiven schaffen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die effektive Integration der zugewiesenen Personen vor allem auf lokaler Ebene gestaltet werden muss. Dort bestehen die Voraussetzungen, um auf die individuellen Bedürfnisse der Migrant*innen einzugehen und ihr Potenzial zu fördern. Gleichzeitig ermöglicht dies, die komplexen Strukturen des Kantons herunterzubrechen und genau dort anzusetzen, wo Migrant*innen leben und ihren Alltag gestalten. Daher sollten Gemeinden gezielt als Räume der Integration verstanden und genutzt werden.

Wie sieht Integration auf lokaler Ebene konkret aus?

Ein Beispiel sind Tandemprogramme wie fokusnetzwerk. Diese schaffen wertvolle Begegnungen zwischen der lokalen Bevölkerung und geflüchteten Menschen. Weil fokusnetzwerk in den Bezirken Bülach und Dielsdorf verankert ist, kann es gezielt auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort eingehen, etwa durch sein Wissen über lokale Angebote und Netzwerke. Tandemprogramme für andere Bezirke im Kanton Zürich sind hier zu finden: https://zhusammen.ch/.

Egal wo: Entscheidend ist, Begegnungen bewusst zu ermöglichen, zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie kennenlernen würden. Schauen wir also unsere Stadt mit neuen Augen an: Wer lebt hier? Wo begegnen wir uns – und wo nicht? Und was braucht es, damit solche Begegnungen häufiger werden?


Quellen

AOZ (2025) Unterbringung in der Stadt Zürich. https://aoz.ch/de/fuer-fachpersonen/betreuung-und-unterbringung/unterbringung-der-stadt-zuerich, [31.10.2025]

Asylfürsorgeverordnung (25.05.2005). http://www2.zhlex.zh.ch/appl/zhlex_r.nsf/0/E1507948988147FFC125795D0045C078/$file/851.13_25.5.05_75.pdf, [31.10.2025]

Kanton Zürich (2025a) Wo die ausländische Bevölkerung wohnt. https://www.zh.ch/de/news-uebersicht/medienmitteilungen/2019/01/wo-die-auslaendische-bevoelkerung-wohnt.html, [31.10.2025]

Kanton Zürich (2025b) Asylfürsorge. https://www.zh.ch/de/migration-integration/asyl/asylfuersorge.html, [31.10.2025]

Stadt Zürich (2020) Ausländerinnen und Ausländer in der Stadt Zürich. Zahlen und Fakten. https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.stadt-zuerich.ch/content/dam/web/de/lebenslagen/unterstuetzung-und-beratung/bilder/auslaenderbeirat/zahlen-fakten-auslaeder-stadt-zuerich.pdf&ved=2ahUKEwjx3u7gqZmQAxUcg_0HHUnnLg8QFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw1vWJPe0U-4XeRYm555zULs, [31.10.2025]

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