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„Und was isch dini Lieblingsschoggi?“

Süsse Schokolade, bittere Bohne

«Und was isch dini Lieblingsschoggi?»
Der in goldener Alufolie verpackte Lindt-Goldschoggihase mit der roten Schlaufe und dem goldenen Glöggli? Die orange verpackte Ovomaltine-Schokolade oder doch die klassische Cailler-Tafel? Die aus der Kakaofrucht stammende Süssigkeit ist aus dem Leben vieler Schweizer*innen kaum wegzudenken und stellt ein wichtiges Kulturgut dar. Der Ausdruck «Schweizer Schokolade» ist ein geschützter Herkunftsbegriff für Schokolade, die in der Schweiz hergestellt wird.

«Und wäm schänksch dini Lieblingsschoggi?»
Meine Familie und ich verbrachten Ostern dieses Jahr weit weg vom «Schoggihase-Rausch», nämlich in meinem zweiten Heimatland Togo, in der Hauptstadt Lomé. In der pulsierenden Stadt gehört ein Besuch des «Grand Marché» einfach dazu, wo leckere und frische Mangos, Ananas, Papayas, Avocados und viele andere Köstlichkeiten angeboten werden. Das westafrikanische Land verfügt über wunderschöne Strände wie dieser in Aneho oder dem grossen Wasserfall in Womé bei Kpalimé.

Auf dem Hinflug sassen wir wie gewohnt zu viert, vollgepackt mit mindestens dreissig Tafeln Schweizer Schokolade pro Person, im Flugzeug. Die in etwa hundertzwanzig sorgfältig verpackten Tafeln Schokolade veranschaulichen ziemlich genau den durchschnittlichen Schokoladenkonsum pro Kopf und Jahr der Schweizer Bevölkerung. Dieser beträgt nämlich über 10 bis 12 Kilogramm Schokolade. Damit belegt die Schweiz seit Jahren den ersten Platz im internationalen Vergleich. All unseren Verwandten und Freunden aus Togo als Geschenk mindestens eine Tafel von diesem beliebten Schweizer Konsumgut mitzubringen, ist bei uns zu einer Art Tradition geworden.

«Und vo wo isch dini Lieblingsschoggi?»
Eine dunkle Tafel Schokolade enthält meistens 60 bis 90 Prozent Kakao, und Milchschokolade mindestens 30 Prozent Kakao. Meine Verwandten mögen Milchschokolade am liebsten, welche jedoch in einem tropischen Land wie Togo mit über dreissig Grad innerhalb weniger Stunden wegschmilzt und uns den Transport nicht immer leicht macht. Zudem führen die hohen Preise der (re)importierten Ware dazu, dass die Süssigkeit von Togolesen und Togolesinnen sehr selten konsumiert wird. Der Kakao hingegen wächst am besten in genau diesen tropischen Gebieten. 65 Prozent der globalen Ernte stammt aus Westafrika, insbesondere aus der Elfenbeinküste und Ghana. Bis vor wenigen Jahren hatte ich als Kind der Schweizer Schokolade noch nie eine Kakaobohne in der Hand, jedoch bereits hunderte Tafeln Schokolade verzehrt. Die Frage, weshalb die Schweiz als das Land der Schokolade gilt und die Personen, die den wichtigsten Rohstoff dieses Konsums anbauen und teils verarbeiten, ihn nicht einmal selbst konsumieren können, geschweige denn herstellen, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und so beginnt meine Suche nach Antworten nach dieser süssen Leckerei, Antworten mit einem bitteren Nachgeschmack.  

Mein Ziel ist es, dem Weg des Kakaos von der Kakaoplantage bis hin zur fertigen Tafel in der Migros oder Coop näher auf die Spur zu kommen und ebenso den historischen Kontext zu erläutern, wie der Kakaobaum nach Westafrika kam. Ich will herausfinden, an welchen Haltestellen die grossen Schokoladenhersteller die Augen verschliessen und lieber wegschauen, anstatt fair zu handeln und das auf Kosten der Bevölkerung.
Für den Artikel haben mich der Film «Reclaiming Cocoa» des Schweizer Regisseurs Philippe Stadler und das Kapitel «Cocoa Ghana, Ghana Cocoa» aus dem Buch «Was ich dir nicht sage» der Soziologin, Autorin und Antirassismus-Coachin Anja Nunyola Glover inspiriert. Den bitteren Nachgeschmack unserer geliebten Süssigkeit haben bereits viele Menschen vor mir auf der Zunge vergehen lassen und dabei äusserst wertvolle Recherchearbeit geleistet. Als Schweizer Schoggi-Liebhaberin möchte ich mich mit dieser wichtigen Thematik auseinandersetzen, um beim Kauf meiner nächsten Schokoladentafel zum einen besser informiert zu sein und zum anderen auch auf alternative Produkte zurückgreifen zu können.

Armut und Ausbeutung
«Wie ist es möglich, dass es in der Schweiz ein Schokoladenmuseum gibt, dass kein Wort über Armut und Ausbeutung verliert?»

Glover, Anja Nunyola (2024): Was ich dir nicht sage, Berlin: Springer, S. 45. 

Das erste Mal so richtig Fragen gestellt, habe ich mir, als ich den oben zitierten Satz aus dem Buch «Was ich dir nicht sage», gelesen habe. Bei meinem ersten Besuch eines Schweizer Schokoladenmuseum als Kind mit meiner Familie ist mir besonders in Erinnerung geblieben, dass ich so viel Schokolade probieren konnte, wie ich wollte. Ich hatte das erste Mal eine Kakaobohne und Bilder sowie Informationen vom Verabeitugnsprozesss der Bohnen zu sehen und hören bekommen, doch damit hatte es sich. Das genau in diesem Moment ein anderes Kind genau in meinem Alter auf einer Plantage mit seiner Familie am Arbeiten ist, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellen.

Kurzer und knapper geschichtlicher Input:
Nach wenig Recherche wird mir bewusst: Die Herkunft des Kakaobaums ist äusserst komplex, ebenso seine genetische Vielfalt. Lange glaubte man, der Baum stamme aus zwei Regionen in Mittel- und Südamerika. Heute weiss man jedoch, dass sein Ursprung ausschliesslich in den tropischen Regenwäldern an den Osthängen der Anden im Amazonasbecken liegt, wo auch seine grösste genetische Vielfalt vorkommt.
Kakao wurde ursprünglich in Südamerika angebaut und gelangte vor etwa 3’800 Jahren nach Mittelamerika, wo er für die Maya und Azteken eine zentrale kulturelle Bedeutung hatte, nämlich als rituelles Getränk, Opfergabe und wertvolles Handelsgut. Die Europäer lernten Kakao erst viel später kennen und verbreiteten ihn ab dem 17. Jahrhundert in der Karibik, später auch in Asien, Ozeanien und an der Ostküste Afrikas. Mit der Zeit entdeckten sie weitere Sorten und verbreiteten diese weltweit weiter.
Ab dem 19. Jahrhundert wurde Kakao auch in Westafrika angebaut, unter anderem in Ghana. Ghana ist bis heute der wichtigste Kakaolieferant für Schweizer Schokoladenhersteller wie Lindt & Sprüngli. Die Historikerin und ehemalige Kuratorin am Schweizer Nationalmuseum, Pascal Meyer, schreibt dazu: «Bis zur Unabhängigkeit des Staates an der Goldküste verdiente die Basler Mission am Kakaohandel mit. Sie war es, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine landwirtschaftliche Versuchsstation unterhielt und mit mehr oder weniger Erfolg versuchte, die Kakaopflanze zu kultivieren.»

Ich nehme aus der kurz und knappen Geschichtslektüre Folgendes mit:
Der Kakaobaum, wie wir ihn heute für die Produktion von Schweizer Schokolade kennen, stammt ursprünglich nicht aus Westafrika, sondern aus Südamerika. Er ist ein Produkt des Kolonialismus, eines der dunkelsten Zeitalter, an dem die Schweiz massgeblich beteiligt war und dessen Folgen, wie wir gleich unten erfahren werden, im postkolonialen Kontext bis heute fortbestehen.

Wie sehen die Bedingungen für Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana heute aus?
Der Alltag vieler Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana ist geprägt von harter körperlicher Arbeit und sehr tiefen Einkommen. Der Anbau, die Ernte und die Verarbeitung der Kakaofrüchte erfolgen fast vollständig von Hand. Während der Kakaosaison bedeutet das lange Arbeitstage, schwere körperliche Belastung und oft fehlende Unterstützung durch bezahlte Arbeitskräfte, denn die meisten Familien können sich solche nicht leisten. In der Erntezeit können Kinder deshalb oft nicht zur Schule gehen, sondern müssen auf den Plantagen mitarbeiten. Weil das Einkommen aus dem Kakaoanbau kaum zum Überleben reicht, werden Anbauflächen häufig unkontrolliert erweitert, um trotz kleiner Felder mehr Ertrag zu erzielen. Gleichzeitig fehlt vielen Familien das Geld für Schulgebühren.

Kinderarbeit ist in vielen Regionen Westafrikas weiterhin Realität. In der Elfenbeinküste und in Ghana, den beiden weltweit grössten Kakaoanbauländern, arbeiten Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Kinder auf den Kakaofeldern ihrer Familien. Das entspricht etwa 45 Prozent aller Kinder, die in landwirtschaftlichen Haushalten der Kakaoanbauregionen leben. Zu ihren Aufgaben gehören häufig Tätigkeiten, die als gefährlich gelten: schwere Lasten tragen, auf Bäume klettern, Kakaoschoten mit Macheten öffnen oder Pestizide versprühen.

Durch die eingeschränkten Schulbesuche steigt das Risiko, dass Armut von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Der Kreislauf der Armut wird dadurch immer schwerer zu durchbrechen.

Auch grosse Schokoladenhersteller sind in diese Strukturen eingebunden. Lindt bezieht Kakao von rund 80’000 Bäuerinnen und Bauern in Ghana. Recherchen der SRF-Sendung Rundschau deckten «offiziell» duzende Fälle verbotener Kinderarbeit in der Lieferkette von Lindt & Sprüngli auf. Demgegenüber hat der Schokoladenhersteller Barry Callebaut 2021 fast 54’000 Fälle von Kinderarbeit bei seinen etwa 250’000 westafrikanischen Farmern beobachtet, was eine realistischere Zahl von Kinderarbeit aufzeigt. Der Film „Reclaiming Cocoa“ legt die Schichten dieser Industrie frei und zeigt die Brüche in ihren Versprechen von Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit, etwa am Beispiel der Familie Nartey, deren Kinder auf Kakaofarmen arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Vor allem geht «Reclaiming Cocoa» aber darauf ein, wie die Kakaoproduktion nachhaltiger werden kann. Ich lege dir diesen Film deshalb schwer ans Herzen.

«Und was jetzt?»
Fühlst du dich nach all diesen Informationen auch von einem Gefühl der Hilflosigkeit überrollt und fragst dich, wie es weitergehen soll? Wie kann ich als privilegierte Konsumentin auf der Geniesser*innen-Seite angesichts all dieser Ungerechtigkeiten überhaupt noch «faire» Schweizer Schokolade geniessen? Keine Schokolade mehr zu essen, kann nicht die Lösung sein.

Deshalb besuchte ich am Sonntag, 29. März 2026, gemeinsam mit meinen Liebsten das diesjährige «Schoggifestival ehrunderlich» im Kulturareal Mühle Tiefenbrunnen in Zürich. Beim Flanieren durch den Schoggimarkt entdeckte ich alternative Schokoladenhersteller, die versuchen, fairere Schweizer Schokolade zu produzieren und einige davon möchte ich unten mit dir teilen.

Choba Choba Produkte
Der Kakao, der in den «Choba Choba»-Produkten verwendet wird, stammt aus dem Ursprungsgebiet der Kakaobohne. Das Unternehmen stellt seine Schokolade ausschliesslich aus den Bohnen her, die auf den eigenen Farmen im Huayabamba-Tal im peruanischen Amazonasgebiet angebaut werden. Die aussergewöhnliche Qualität der Choba-Choba-Schokolade entsteht, weil das Unternehmen den gesamten Weg vom Baum bis zur Bohne selbst kontrolliert und seinen biologischen Kakao in agroforstwirtschaftlichen Systemen unter fachkundiger Leitung produziert.

Die Produkte von Choba Choba kannst du ganz bequem von zu Hause aus online bestellen. Mehr zum Projekt findest du unter: https://www.chobachoba.com

Pronatec
Pronatec hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensmittelindustrie mit qualitativ hochwertigen Kakaoprodukten, Zucker, Vanille und Gewürzen zu versorgen und gleichzeitig die Lebensqualität der Kleinbauern in den Ursprungsländern zu verbessern. Aus diesem Engagement heraus entstand die Schokoladen-Eigenmarke AMARRÚ. Die Verarbeitung der Kakaobohnen in der eigenen Schweizer Bio-Kakaoverarbeitung sowie die sorgfältige Weiterverarbeitung der Bio- und Fairtrade-Rohstoffe machen AMARRÚ zu einer Schweizer Schokolade par excellence – denn ein grosser Teil der Wertschöpfung findet in der Schweiz statt.

AMARRÚ ist die hauseigene Schokoladenmarke von Pronatec und in Schweizer Bioläden, Reformhäusern sowie online auf farmy.ch, brack.ch und morgashop.ch erhältlich. Mehr zum Projekt findest du unter: https://pronatec.com/produkte/bio-schokolade/

Vielleicht konnte dich der Blogbeitrag dazu inspirieren beim «Schoggifestival ehrunderlich» 2027 dabei zu sein und dabei das Kulturareal Mühle Tiefenbrunnen in Zürich zu entdecken. Einen gemütlichen Filmabend mit deinen Liebsten zu organisieren, der euch dazu animiert, bei einer warmen Tasse Kakao oder einem feinen Stück Schoggi über die ungemütlichen Seiten des milliardenschweren Genussmittels zu sprechen. Vielleicht schafft es aber auch das Buch von Anya Nunyola Glover in deinen Rucksack, indem sie sich vor allem mit den Strukturen von Rassismus in der Schweiz auseinandersetzt.

Ich danke dir fürs Lesen dieses Blogbeitrages und für deine Offenheit dem Thema gegenüber.

Quellen:

https://schokoinfo.de/schokotorial/kakao-ursprung/

https://blog.nationalmuseum.ch/2024/11/kakao-in-ghana-das-raetsel-um-den-zuchterfolg/

https://www.kakaoplattform.ch/de/ueber-kakao/herausforderungen-in-der-kakaobranche

https://www.srf.ch/play/tv/rundschau/video/kinderarbeit-fuer-schweizer-schokolade-der-fall-lindt?urn=urn:srf:video:8a8f15ae-6619-497d-a709-ddc3674c9484

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