Im ersten Blogartikel über den Aufenthaltsstatus N habe ich die Rechte und Einschränkungen des N-Ausweises beschrieben und wie sie den Alltag von Asylsuchenden beeinflussen. Der Asylprozess ist geprägt von Wartezeiten, begrenzten Arbeitsmöglichkeiten und eingeschränkter Mobilität, bietet aber gleichzeitig eine Perspektive auf Schutz und eine Zukunft in einem neuen Land. In diesem fortsetzenden Beitrag geht es um die psychische Belastung und Beanspruchung im Asylprozess. Anhand von Gesprächen mit Betroffenen im Tandemprogramm fokusnetzwerk möchte ich von Erfahrungen und Geschichten erzählen und die psychische Verfassung in dieser Zeit darlegen. Ich versuche herauszufinden, welche äusseren Einflüsse die Psyche negativ beanspruchen und welche Rolle das Tandemprogramm in der Prävention und sofortigen Unterstützung übernehmen kann.
Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell
Dieser Beitrag stützt sich auf das Belastungs-Beanspruchungs-Modell, das zeigt, wie Menschen psychisch auf äussere Einflüsse reagieren. Ständig wirken Belastungen wie Zeitdruck, Arbeitsmenge oder soziale Erwartungen auf uns ein. Sie sind weder gut noch schlecht, fordern uns jedoch heraus und versetzen Körper und Geist in Bewegung. Wie wir reagieren, hängt von Gesundheit, Wissen, Motivation, Erfahrung und aktueller Stimmung ab. Treffen Belastungen auf unsere individuellen Fähigkeiten, entsteht psychische Beanspruchung, die kurzfristig anregend wirken oder zu Stress und Ermüdung führen kann. Langfristig entscheiden Dauer, Intensität und persönliche Ressourcen darüber, ob wir gestärkt werden oder gesundheitliche Probleme entwickeln.
Erfahrungsbericht Mentee N.Y.

Ein geflüchteter Mann erzählt von der damaligen Zeit und psychischen Belastung im Asylprozess:
Ich bin N.Y., 42 Jahre alt und im Juli 2023 aus der Türkei in die Schweiz geflüchtet. Meine Frau und meine drei Kinder leben derzeit noch in der Türkei. In meiner Heimat war ich viele Jahre im Staatsdienst tätig, zuletzt als Polizeikommissar. Rund 22 Monate lebte ich mit dem Ausweis N und wartete auf die Verlängerung bzw. Entscheidung im Asylverfahren. In dieser Zeit habe ich in sechs verschiedenen Unterkünften gelebt, unter anderem im Tessin, im Zürcher Asylzentrum, in Brugg bei Baden, in Kloten, Zollikon und aktuell in einer WG mit drei weiteren Personen. In manchen dieser Unterkünfte gab es psychisch erkrankte Menschen, Drogenabhängige und leider auch Gewaltvorfälle.
Mein Alltag besteht derzeit hauptsächlich daraus, Deutsch zu lernen, um mich in der Gesellschaft integrieren zu können. Ich besuche einen Sprachkurs (A2.1) und versuche, mich sprachlich zu verbessern. Die Kommunikation mit anderen Menschen ist oft schwierig. In der Schweiz gehe ich manchmal in der Natur spazieren, in der Türkei habe ich dagegen oft Zeit mit Freunden in Cafés verbracht oder Reisen unternommen. Mit meinem aktuellen Wohnort bin ich unzufrieden. Die kulturellen Unterschiede, die teils sehr unterschiedlichen Bildungsniveaus und die daraus resultierenden Konflikte belasten mich. Dazu kommen Sicherheitsprobleme, Lärm und unzureichende hygienische Bedingungen. Mehrfach kam es zu Gewalt, auch gegen mich, nachdem andere von meinem früheren Beruf erfuhren. Ein stabiles soziales Umfeld habe ich nicht. Die Sprachbarriere, häufige Umzüge und die Angst vor Konflikten führen dazu, dass ich mich oft zurückziehe. Zwar kenne ich einzelne Menschen, unter anderem aus der türkischen Gemeinschaft, aber enge Freundschaften sind bislang nicht entstanden.
Den Asylprozess empfand ich als intransparent. Obwohl mir der Ablauf grundsätzlich erklärt wurde, fehlte es an Informationen während des Verfahrens. Manche Menschen, die ähnliche Ausgangslagen hatten, erhielten bereits nach kurzer Zeit eine Aufenthaltsbewilligung, während ich fast zwei Jahre warten musste. Diese Ungewissheit hat mich psychisch stark erschöpft. Grundsätzlich vertraue ich den Schweizer Behörden, weil ich hier Gesetze und Menschenrechte respektiert sehe. Dennoch machten mir die langen Wartezeiten und die fehlende Kommunikation Sorgen. Trotz mehrfacher Briefe, in denen ich meine Situation schilderte, erhielt ich nur die Bitte um Geduld.
Körperlich versuche ich, gesund zu bleiben, doch Stress und Schlafmangel haben Spuren hinterlassen. Psychisch bin ich stark belastet. Die Trennung von meiner Familie, Sorgen um ihre Sicherheit, das Leben in schwierigen Unterkünften und soziale Isolation führen zu Erschöpfung und Anspannung. Anfangs hatte ich niemanden zum Reden, inzwischen werde ich ärztlich betreut und habe eine Bezugsperson im Tandemprogramm. Typische Anzeichen meiner Belastung sind Schlafprobleme, chronische Müdigkeit und Motivationsverlust. Eine Zukunft in der Schweiz sehe ich, trotz gewisser Hoffnung durch meine Tandem-Begleitung, eher kritisch. Die langen Verfahren, die Trennung von meiner Familie und das Gefühl, als „nur ein weiterer Flüchtling“ gesehen zu werden, haben meine Perspektive getrübt. Dennoch möchte ich meine Ziele weiterverfolgen: Deutsch lernen, beruflich wieder Fuss fassen, mich sozial engagieren und eines Tages meine Erlebnisse in einem Buch festhalten. Um diese Ziele zu vereinfachen, bräuchte es vor allem einen schnelleren, transparenteren Asylprozess, mehr Integrationsprogramme und das Zusammenleben mit meiner Familie.
Im Tandem treffen wir uns mindestens einmal pro Woche. Wir sind zudem regelmässig per WhatsApp in Kontakt. Wir lernen gemeinsam Deutsch, sprechen über Kultur und Alltag, machen Spaziergänge oder gehen ins Café. Dabei erklärt mir mein Tandem-Partner geduldig neue Wörter und hilft mir, die Schweizer Lebensweise zu verstehen. Er unterstützt mich sowohl praktisch als auch emotional, gibt mir Sicherheit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Durch ihn habe ich wieder mehr Zuversicht gewonnen und bin dankbar für seine Geduld, Motivation und Hilfsbereitschaft.
Eine Einschätzung
Der Erfahrungsbericht von N.Y. zeigt eindrücklich, wie sich der Asylprozess auf die psychische Verfassung auswirken kann und lässt sich gut mit dem Belastungs-Beanspruchungs-Modell erklären. Belastungen sind die äusseren Einflüsse, die auf einen Menschen einwirken. Für N.Y. sind das vor allem die langen Wartezeiten im Verfahren, häufige Umzüge, unsichere und teils belastende Wohnsituationen, die Trennung von seiner Familie, sprachliche Barrieren und die fehlende Transparenz im Asylprozess. Solche Belastungen sind an sich nicht automatisch schädlich, doch ihre Wirkung hängt stark von den vorhandenen Ressourcen ab. N.Y. bringt durchaus Stärken mit. Er lernt motiviert Deutsch, vertraut grundsätzlich den Behörden, hat Berufserfahrung und findet im Tandemprogramm eine wichtige Stütze. Gleichzeitig sind seine Ressourcen begrenzt, denn ein stabiles soziales Netzwerk fehlt, die Sprachkenntnisse sind noch im Aufbau, und die physische Distanz zur Familie erschwert die Situation.
In der Folge ist die psychische Beanspruchung hoch. N.Y. hat mit Schlafproblemen, chronischer Müdigkeit, Rückzug aus Angst vor Konflikten und ein Gefühl der Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Zwar gibt es kurze Momente der Aktivierung und Hoffnung, etwa durch den Tandem-Kontakt oder Spaziergänge in der Natur, doch sie können die anhaltende Belastung nur teilweise ausgleichen. Umso wichtiger sind schnelle, transparente Verfahren, stabile Wohnsituationen, gezielte Integrationsangebote und der Zugang zu psychologischer Unterstützung. Für N.Y. ist die Familienzusammenführung ein weiterer entscheidender Schritt, um seine psychische Stabilität zu stärken und neue Perspektiven zu gewinnen.
Erfahrungsbericht Mentor D.L.
Als ich N.Y. kennenlernte, war mir schnell klar, dass er eine enorme innere Stärke besitzt. Dennoch war in unseren ersten Begegnungen spürbar, wie sehr ihn die Ungewissheit belastete. Besonders die Frage, ob und wann seine Familie endlich zu ihm in die Schweiz kommen kann, war eine ständige Belastung. Nicht zu wissen, was passieren wird, erzeugt Stress. Diesen Stress habe ich bei ihm deutlich wahrgenommen. Das Vertrauen in einen langwierigen und oft intransparenten Prozess ist eine grosse emotionale Belastung. Ich hatte oft das Gefühl, dass ihm in diesem Prozess kaum zugehört wird. Trotz dieser Herausforderungen beeindruckt mich seine Resilienz.
Unsere Gespräche bieten Raum, über diese Themen zu sprechen. Auch wenn N.Y. nicht der Typ ist, der leicht um Hilfe bittet. Er ist ruhig, nachdenklich und ein liebevoller Vater, der sich grosse Mühe gibt, seine Situation zu meistern. Ich versuche, ihm zu zeigen, dass er sich auf mein offenes Ohr verlassen kann. Ich stelle immer wieder Fragen, um ihm das Gefühl zu geben, dass seine Erlebnisse zählen. Was mich positiv stimmt, ist die Perspektive auf eine gute Zukunft hier in der Schweiz. Ich sehe das sehr positiv, auch wenn er selbst das manchmal anders einschätzt. Er bringt wertvolle berufliche Erfahrungen mit, die ihm in Verbindung mit seiner Motivation und seiner ruhigen Art helfen werden, hier Fuss zu fassen. Sobald er die Sprache besser beherrscht, kann ich mir gut vorstellen, dass er im Sicherheitsbereich eine Anstellung findet.
Derzeit arbeitet N.Y. parallel an mehreren wichtigen Zielen: Eine passende Wohnung für seine Familie, das Erlernen der deutschen Sprache und die Integration seiner Angehörigen. Meine Rolle sehe ich darin, ihn auf diesem Weg zu begleiten. Mit Informationen, praktischer Hilfe und auch emotionaler Unterstützung. Ich helfe ihm, die Strukturen der Schweiz zu verstehen und werde ihm bei der Jobsuche zur Seite stehen, sobald es so weit ist. Was die psychologische Unterstützung für geflüchtete Menschen hier angeht, sehe ich allerdings grossen Nachholbedarf. Sozialarbeitende sind oft stark ausgelastet und können über grundlegende organisatorische Hilfe hinaus kaum Begleitung anbieten. Psychologische Unterstützung scheint im System kaum vorgesehen zu sein und auch N.Y. hat den Eindruck, dass seine Situation oft nicht wirklich verstanden wird. Unser Tandem ist für mich eine Möglichkeit, genau hier anzusetzen: Brücken zu bauen, zuzuhören und einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass ein Mensch mit grossem Potenzial und Verantwortungsbewusstsein seine neue Heimat mit Zuversicht gestalten kann.
Reflexion
Aus dem Erfahrungsbericht von N.Y. und D.L. lassen sich mehrere Erkenntnisse gewinnen. Erstens zeigt sich, wie stark sich lange Verfahrensdauern und fehlende Transparenz auf das psychische Wohlbefinden auswirken können. Selbst bei Menschen mit ausgeprägter Motivation, Vertrauen in Institutionen und beruflicher Erfahrung. Zweitens verdeutlicht der Fall, dass soziale Unterstützung, wie im Tandemprogramm, nicht nur praktische Hilfe bietet, sondern auch entscheidend für emotionale Stabilität und Zuversicht ist. Die Analyse unterstreicht daher, dass der Asylprozess nicht allein als juristische Prüfung verstanden werden darf. Er ist als Lebensphase zu betrachten, in der gezielte Unterstützung, verlässliche Informationen und stabile Rahmenbedingungen darüber entscheiden, ob Menschen stabil oder negativ beansprucht daraus hervorgehen.
N.Y. hat inzwischen einen positiven Asylentscheid sowie eine Genehmigung zum Familiennachzug erhalten und verfügt über eine Aufenthaltsbewilligung B. Seine Schilderungen sind rückblickend.
