„In ein europäisches Land zu gehen, wenn man dazu gezwungen wird und nicht aus freien Stücken [eine Heimat verlässt], ist emotional sehr schwer“,
sagt Refat (Name geändert), ein 23-jähriger Krimtatar in Zürich. Seine Geschichte steht – vor dem Hintergrund der sowjetischen Massendeportation 1944 (Sürgünlük), der Rückkehr am Ende der Sowjetzeit, der russischen Besetzung der Krim 2014 und der Invasion der Ukraine 2022 – nicht nur für Flucht, sondern für die Suche nach Halt, Sprache und Gemeinschaft in der Schweiz.
Warum verlassen junge Krimtataren die Halbinsel? Wie erreichen sie die Schweiz? Was erwartet sie in den ersten Monaten? Welche Rolle spielen lokale Communities und NGOs – und wie lässt sich Sprache, Tradition und Glaube im Exil bewahren? Refat beschreibt die Arbeit als täglichen Rhythmus gegen die Angst. Zugleich erlebt er einen inneren Kampf um Sprache und Identität – zwischen Scham über vergessene Wörter und der Hoffnung, sie ins Alltagsleben zurückzuholen.
Historischer Rahmen und Sozialisation
Die Krimtataren zählen zu den größten indigenen Völkern Europas. 1944 führte die Sowjetmacht die Massendeportation (Sürgünlük) durch; mit den Häusern rissen Erinnerungslinien, Alltagspraktiken und die Bindung an Land ab. Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre begann die Rückkehr: Dörfer wurden neu aufgebaut, Moscheen errichtet, Rechte auf Land und Sichtbarkeit eingefordert – und doch blieb die Erinnerung an Gewalt lange ein „Hintergrundrauschen“ des Alltags.

In dieser Atmosphäre erlebte Refat in einer russisch geprägten Schulumgebung Demütigungen („dreckiger Tatar“) und stereotype Etiketten („im Blut – alle Händler“); Ukrainisch wurde teils sogar auf Russisch unterrichtet, während Krimtatarisch meist nur in den Dörfern zu hören war – oft in einem gemischten Alltagsgebrauch, der russische Einsprengsel enthielt. Viele Familien verwendeten eine Mischform, da es jahrzehntelang keinen Schulunterricht in der eigenen Sprache gab und Russisch für das tägliche Überleben erlernt werden musste.
Nach der russischen Besetzung 2014 gerieten krimtatarische Institutionen und Aktivist:innen unter massiven Druck: Hausdurchsuchungen am frühen Morgen, willkürliche Festnahmen, Verbote kultureller und politischer Strukturen, lange Haftstrafen (OHCHR 2024, Amnesty International 2024). Viele Familien verließen die Halbinsel aus Angst vor Repressionen, Militarisierung und weiterer Russifizierung.
Weg in die Schweiz
2014 verließ Refat die Krim gemeinsam mit seiner Mutter und Schwester, weil ein normales Leben, Studium und Arbeit zunehmend unsicher wurden. Die Familie war in den folgenden Jahren räumlich getrennt und mehrfach gezwungen umzuziehen: Refat lebte zeitweise in Bucha und später in Odessa, während seine Schwester in Charkiw studierte. Als die Vollinvasion begann und Beschuss den Alltag bestimmte, suchte er nach einem sicheren Ausweg. Durch eine Einladung der Universität Zürich kam er in die Schweiz und beantragte dort vorübergehenden Schutz (Status S). Er lebte zunächst in einer Schweizer Gastfamilie – Deutsch wurde sofort Teil seines Alltags.
Status S und institutioneller Rahmen
Die Schweiz aktivierte den kollektiven Schutz als Notmaßnahme angesichts der massiven Fluchtbewegung aus der Ukraine. Der Schutzstatus S erleichtert Aufenthalt, Arbeit und Zugang zu Grundleistungen (SEM, 2024). Doch wie beim Ausweis N für Asylsuchende erzeugt auch der Status S – trotz einzelner Erleichterungen – oft eine Situation des Wartens und der Abhängigkeit von kantonalen Entscheiden, Sozialleistungen und administrativen Unsicherheiten (prointegration 2023). Die Vorläufigkeit erschwert eine verlässliche Bildungs- und Karriereplanung.
Identität, Sprache, Alltag
Krieg und erzwungene Mobilität verschieben Perspektiven. „Wenn man mit diesem Stress aufwacht, tritt die Identität – dass man ein ukrainischer Tatar ist – irgendwie zurück. Meine Aufgabe ist, nichts Scharfes zu tun, das im Moment stark nachhallt“, sagt er. In der deutschsprachigen Umgebung bleibt ein Rest Fremdheit: „Man muss sich integrieren, aber es ist trotzdem nicht das eigene.“ Halt geben Disziplin und Arbeit: „Wenn ich etwas tue und meine Meinung einbringe, bedeutet das, dass ich noch am Leben bin.“
Arbeit und Ausbildung
Refat arbeitet in einer Schweizer NGO als Datenanalyst; sein Vertrag soll verlängert werden – genau diese Tätigkeit möchte er fortsetzen. Parallel unterstützt er ukrainische Projekte ehrenamtlich; der Rhythmus aus Lohnarbeit und freiwilligem Engagement gibt Stabilität und das Gefühl, „nützlich“ zu sein. Für ein Masterstudium erwägt er Wien, wo die Sprachhürden geringer sind als in der Schweiz; langfristig will er seine Erfahrung in der Datenarbeit im humanitären Bereich verankern.
Hobbys, Kultur, Beziehungen
Außerhalb der Arbeit helfen „erdende“ Routinen: Zeichnen (Hobby seit der Schulzeit in Odessa) und Laubsägearbeiten – sein „eigener Buddha“; der Prozess beruhigt und bündelt Aufmerksamkeit. Kultur wirkt als Anker: Auf YouTube hört er Märchen, die eine „Großmutter“ aus der Krim vorliest; in der Schweiz kocht er häufiger Gerichte aus der Kindheit, traditionelle krimtatarische Speisen – ein Stück Zuhause im Exil.
Wichtig sind zudem/auch tragende Beziehungen: Kolleg:innen, Freund:innen, Nachbar:innen – „ohne sie hätte ich es irgendwann nicht mehr ausgehalten“. Zugleich ist die Sehnsucht nach der Familie allgegenwärtig: Er kann den Großvater nicht umarmen („ich möchte zu ihm gehen und seine Hand nehmen“) und sieht Mutter und Schwester, die in verschiedenen Städten und Ländern leben, nur selten.
Glaube
Eine Lektion der Großmutter prägt ihn: Obwohl sie Muslimin war, betete sie auch in einer Kirche – „Was macht es für einen Unterschied, wo ich zu Gott bete? Ich bete zu meinem Gott.“ In der Schweiz besucht er bisweilen Kirchen und Orgelkonzerte: „Gott muss in unserem Herzen sein.“ Diese Offenheit erlaubt ihm, Spiritualität als Quelle von Ruhe zu bewahren – jenseits fester Grenzen. Zugleich betont er, dass ihn seit der Kindheit eine Haltung der Toleranz geprägt hat: Respekt gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, ein ehrerbietiger Umgang mit heiligen Orten sowie die Ermutigung, die heiligen Schriften verschiedener Religionen zu lesen. Diese Offenheit führt er vor allem auf die Grossmutter und die Mutter zurück.
Fazit
Vertreibung, Besatzung, Krieg – all das hallt im Alltag nach. Refats Weg über Einladung der Universität Zürich, Schutzstatus und Arbeit gibt ihm ein Stück Kontrolle zurück. Integration gelingt dort, wo sinnstiftend Arbeit, reale Chancen auf Weiterbildung und menschliche Unterstützung zusammentreffen. Kultur und Glaube geben Halt; psychologische Hilfe und persönliche Disziplin mindern Angst – die räumliche Trennung von Angehörigen bleibt dennoch schmerzhaft.
Referenzen (Auswahl):
- Staatssekretariat für Migration (SEM), FAQ Schutzstatus S für Geflüchtete aus der Ukraine
- prointegration, Der Ausweis N ist ein Dilemma: https://www.prointegration.ch/der-ausweis-n-ist-ein-dilemma/
- OHCHR, Ten years of occupation by the Russian Federation: Human Rights in Crimea (2024): https://www.ohchr.org/en/documents/country-reports/ten-years-occupation-russian-federation-human-rights-autonomous-republic
- Amnesty International, 10 years of occupation of Crimea (2024): https://www.amnesty.org/en/documents/eur50/7805/2024/en
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